Der Algo ist tot, lange lebe der Algo
Vom Leben mit einem Zombie
Catchy Hook in den ersten Frames (nicht Sekunden). Dramatisches Thema. Cliffhanger. Und unbedingt die Leute zum Bleiben kriegen, fürs Engagement natürlich. Outrage? Auch immer gut, dann wird das Video kommentiert oder geteilt. Gut für die Metriken.
Aber scheiße für den Content.
Content, überhaupt das Wort schon. Inhalte auf Deutsch, bisschen weniger verbraucht, bisschen weiter gefasst. Content: Das sind künstliche Szenen, Ästhetik und Entertainment. Inhalte hingegen: vielleicht lernt man auch was. Darf sich Zeit nehmen. Wertfrei, noch ohne Performance Ziel.
Die algorithmischen Feeds haben unsere Leben verändert. Zum einen sind wir es mittlerweile nicht nur gewohnt, bequem alles mögliche, was uns potenziell interessieren könnte, auf die FYP zu bekommen - nein, wir erwarten es geradezu. Zum anderen haben wir aber auch so viel Auswahl an Content (ja, Content), dass sich damit schnell eine Überforderung und sogar Müdigkeit einstellt. Doom Scrolling, eingeschränkte Aufmerksamkeitsspannen, Rage Bait in Videoform… Es kann schnell anstrengend werden, online.
(Was wohl auch ein Grund dafür ist, dass Führungskräfte aus namhaften Social-Media-Plattformen ihren Kindern eben keine Handys zur Verfügung stellen.)
Jetzt könnte man schnell sagen: Früher war alles besser. Wir konnten chronologisch sehen, was unsere Freund*innen gepostet haben, und vielleicht noch deren Freunde und Bekannte, und zack, der Social Graph war das längst verlassene Paradies, aus dem wir alle per Algo vertrieben wurden. Hätten wir doch mal nicht in den verbotenen Apfel gebissen.
Und ob das nun wirklich alles so perfekt war oder nicht (viele Kernprobleme datieren lange auf vor Algo-Feeds zurück und auch Belästigungen und Hasskampagnen gab es schon in den 2000er Jahren, nicht erst heute), die Sehnsucht nach “echter” Verbindung wird immer lauter, je gekünstelter sich die aktuellen Feeds so anfühlen.
Wo geht die Reise also hin?
In meinen Augen wird es (leider) kein Zurück zum Social Graph geben, dafür verdienen die Plattformen viel zu viel Geld mit ihren Algorithmen. Aber die User*innen sind nicht mehr endlos bereit, in die falsche Welt von Drama und Hooks einzutauchen. Sie erkennen Videos von Brands als Werbung und wissen, dass es Influencer*innen nicht immer wirklich um die Sache geht (sondern um ihre Reichweite). Das führt zu geringerer Verweildauer und Nutzer-Retention.
Eine Zwischenlösung muss also her. Vielleicht nicht sofort. Vielleicht nicht in 2027. Doch sobald eine Plattform - oder App - zeigt, dass man mit einem klugen Mittelweg erneut große Sprünge in einer der Kernmetriken machen kann, werden die anderen nachziehen. Ein Feed, der Algo und Social Graph verbindet, zum Beispiel. Oder ein Social Graph, in dem organisch der Algo eingesprenkelt wird, statt den Feed maßgeblich zu prägen.
Der Algo ist tot. Doch vorerst müssen wir mit ihm leben.
Lang lebe der Algo.
Eure
Mina


